1.TEIL:
SAAT UND ERNTE, REINKARNATION
Der Journalist: Der katholische und der evangelische Glaube kennen keine Wiederverkörperung bzw. Reinkarnation. Sie waren evangelischer Pfarrer und glauben heute an Reinkarnation. Wie ist das gekommen?
Der Theologe: Ich wollte als Christ leben und Jesus von Nazareth nachfolgen, und ich glaubte zunächst, die Lehre von der möglichen Reinkarnation sei nicht christlich. Als Theologiestudent und später als Pfarrer wurde mir aber auch immer mehr bewusst, wie groß die Spannungen und Widersprüche zwischen der evangelischen Lehre und Jesus von Nazareth sind, wie ich ihn aus der Bibel her kannte (siehe dazu Der Theologe Nr. 1). Eine Zeitlang habe ich versucht, beides miteinander zu vereinbaren, doch eines Tages sah ich mich vor die Entscheidung gestellt: entweder lutherisch oder christlich. Ich entschied mich dafür, den Pfarrerberuf niederzulegen und bin kurze Zeit später aus der Kirche ausgetreten. Heute arbeite ich als Freier Theologe bei Bestattungen und Hochzeiten, und ich lebe in einer urchristlichen Gemeinschaft, deren Anliegen das Leben nach den Zehn Geboten und der Bergpredigt des Jesus von Nazareth ist.
Im Laufe der Zeit lernte ich nun auch Schriften über Jesus und das Urchristentum außerhalb der Bibel kennen (mehr dazu unten im 2. Teil). Demnach waren Jesus und den ersten Christen auch die Reinkarnation bekannt. Das Ziel des Weges, den Jesus von Nazareth lehrte, ist aber nicht, dass die Seelen der Menschen immer wieder neu in menschliche Körper inkarnieren, sondern dass sie wieder "nach Hause" zurückkehren - in ihre Heimat, die sie einst verlassen hatten. Dies steht im Gegensatz zu manchen östlichen Lehren, bei denen als Ziel die Auflösung aller Formen angestrebt wird. Dort wird auch geglaubt, dass eine menschliche Seele zum Beispiel in ein Tier oder in eine Pflanze inkarnieren kann. Gemäß der urchristlichen Lehre ist die Inkarnation einer menschlichen Seele aufgrund ihrer ursprünglichen geistigen Entwicklung bzw. Evolution aber nur in einen neuen menschlichen Körper möglich; auch wenn die menschliche Seele sich in einem oder mehreren Erdenleben erheblich belastet hat und ihr geistiges Potenzial nicht annähernd ausschöpft.
Der Journalist: Die Möglichkeit der Reinkarnation gilt als eine logische Folge eines Glaubenssatzes, der lautet: "Was der Mensch sät, das wird er ernten." Demnach kann eine "Ernte" dieses Lebens die Folge einer "Saat" eines vorherigen Lebens sein. Und was in diesem Leben gesät wird, kann unter Umständen erst im nächsten oder in einem der nächsten Leben aufgehen. Ist dieser Glaube so richtig wiedergegeben?
Der Theologe: Ja. Doch Säen und Ernten geschieht auch innerhalb nur eines irdischen Lebens. Grundsätzlich glaube ich, dass es keine Zufälle gibt. Ich glaube, dass alles, was auf uns zukommt, eine Ursache hat.
Der Journalist: Hat dieser Glaube praktische Folgen?
Der Theologe: Ja. Es gibt zum Beispiel Lebenssituationen, die schmerzen. Ich frage mich dann: Warum hat mich das getroffen? Und: Was kann ich ändern, damit es sich nicht wiederholt? Wenn ich Ereignisse in meinem Leben als Wirkungen auf bestimmte von mir selbst gesetzte Ursachen verstehe, lerne ich mich besser kennen und übernehme die Verantwortung für alle Situationen meines Lebens. Darauf kommt es zunächst an. Und die nächsten Schritte sind: Das Beste daraus machen und Veränderungen einleiten. Das klingt in dieser allgemeinen Form natürlich sehr einfach. Wer damit Erfahrungen hat, weiß jedoch, dass er sich eine solche positive Lebenseinstellung manchmal auch erst sehr mühsam errungen hat.
Der Journalist: Nun gibt es völlig unterschiedliche Lebenssituationen und Schicksale. Die einen leben im materiellen Wohlstand, andere müssen täglich ums Überleben kämpfen. Einer fühlt sich glücklich, ein anderer elend. Gilt diese Art zu leben, von der Sie eben gesprochen haben, für alle Situationen?
Der Theologe: Wenn es nicht so wäre, müsste man fragen: Bin ich für mein Schicksal nicht selbst verantwortlich, wer dann? Kann ich meinem Nächsten die Schuld geben? Oder Gott? Oder einer dunklen Schicksalsmacht?
Jeder ist für sein Schicksal selbst verantwortlich, denn jeder entscheidet wie sein Leben verläuft.
lizzy
